Sprache beherrschte - ALMA
 

Sprache beherrschte

Man hat mich gebeten, Ihnen ein wenig von mir zu erzählen. Normalerweise versuche ich immer, solchen Selbstdarstellungen zu entkommen, da ich der Meinung bin, so ziemlich alles, was ich zu sagen habe, stehe sowieso in meinen Büchern. Aber hier in Stockholm gilt das natürlich nicht.

Sie, verehrte Zuhörerinnen und Zuhörer, haben ein gutes Recht darauf, zu erfahren, wer denn die Person ist, der Ihr Land diesen wunderschönen -und durch keinen anderen zu überbietenden-Preis verliehen hat.

Kinderbuchautoren werden üblicherweise zuerst einmal von interessierten Menschen gefragt, wie denn die eigene Kindheit so gewesen sei. Das ist auch durchaus legitim, weil jeder, der für Kinder schreibt, bei seiner Arbeit enorm auf die Erinnerung an seine eigene Kindheit angewiesen ist. Schließlich ist das Kind, das er einmal war, ja das einzige Modell von Kind, das er durch und durch kennt. Oder zumindest zu kennen meint. Nicht legitim ist allerdings die sehr oft gestellte Frage, ob die eigene Kindheit eine glückliche gewesen sei. Ich jedenfalls kann mit dem Begriff “glückliche Kindheit” wenig anfangen. Ich kann nur sagen, dass ich in meiner Kindheit so heftige Glücksgefühle hatte, wie später nie mehr. Und ebenso gewaltige Unglücksgefühle wie später nie mehr.

Also versuche ich es so objektiv wie nur möglich: Ich wurde vor 67 Jahren in Wien, in der sogenannten Vorstadt, in einem Arbeiterbezirk geboren. Meine Mutter war Kindergärtnerin in einem städtischen Kindergarten. Mein Vater war Uhrmacher und, wie so viele, arbeitslos, wodurch ich -rare Ausnahme zu dieser Zeit- ein vom Vater gewickeltes, gefüttertes und in den Schlaf gesungenes Baby und Kleinkind war.

Damals regierten in Österreich die Autstro-Faschisten. Als ich zwei Jahre alt war, marschierte Adolf Hitler in Österreich ein, als ich drei Jahre alt war, musste mein Vater in Polen einmarschieren und hernach zufuß bis knapp vor Moskau ordringen, und mir war für lange sechs Jahre meine innig geliebte Bezugsperson geraubt.

Und ab meinem fünften Lebensjahr hockte ich mit unschöner Regelmäßigkeit in diversen Kellern und hoffte darauf, dass endlich die “Entwarnungssirene” ertönen möge, die den Abflug der “feindlichen Kampfverbände” kundtat. Zweimal schlug eine Bombe in das Haus ein, in dessen Keller ich hockte, aber nur einmal war der Keller verschüttet und wir mussten “ausgegraben” werden. Als ich neun Jahre alt war, wurde Wien dann von der Roten Armee befreit und ich bekam endlich meinen geliebten Vater zurück.

Ich denke, es prägt einen Menschen, wenn er zwei Drittel seiner Kindheit unter einer Diktatur und im Krieg verbracht hat.

In meinem Fall vor allem deshalb, weil alle meine Bezugspersonen strikte Antifaschisten waren und mich darüber von klein auf nicht im Unklaren ließen. Das klingt ziemlich triste, war es aber nicht. Ich glaube, ich kam gut damit zurecht. Ich akzeptierte einfach, dass unser Land von “Verbrechern” regiert wird, dass der Krieg so schnell wie möglich verloren werden muss, dass ich nicht glauben darf, was mir die Frau Lehrerin in der Schule an Idealen und Werten eindrillen will, und zudem, dass ich über all dies außer Haus kein Wort verlieren darf, um Mutter, Großvater und Großmutter nicht in Lebensgefahr zu bringen. Mein Vater war ohnehin schon irgendwo in Russland in latenter Lebensgefahr. Das reichte. Und wenn meine gleichaltrigen Freundinnen davon schwärmten, in zwei, drei Jahren endlich dem “Bund deutscher Mädchen” beitreten zu dürfen, dann hielt ich halt den Mund und dachte mir: Schnecken! Vorher geht nämlich der Krieg verloren und alle Nazis werden eingesperrt und alle Juden, die noch leben, kommen wieder, und die “Demokratie” kommt auch zurück. Von dieser “Demokratie” erzählte mir mein Großvater oft. Ich weiß nicht mehr, was er mir alles von ihr berichtete, jedenfalls sehnte mich nach ihr. Und nicht nur, weil mir der Großvater versprach, dass es dann wieder Schokolade und Schinken-semmeln geben werde. Paradiesische Qualitäten dachte ich dieser unbekannten Demokratie zu, eine Art Schlaraffenland an Gerechtigkeit und Freiheit und Solidarität erhoffte ich mir von ihr. Mein Großvater konnte eben sehr, sehr schön erzählen.

Ich habe nur insoweit Recht behalten, als meine Freundinnen auf den “Bund eutscher Mädchen” verzichten mussten. Sämtliche Nazis, die ich kannte, wurden nicht eingesperrt, die Juden, die die Shoa überlebt hatten, wurden in Österreich nicht willkommen geheißen, und die Frau Lehrerin, die uns drei Jahre lang mit Nazi-Ideologie zu indoktrinieren versucht hatte, pries uns nun ohne auch nur ein wenig schamrot zu werden, die Segnungen der Demokratie an und sprach täglich unseren amerikanischen Befreiern ihren innigen Dank aus (Dass an der Befreiung meiner Heimat die UdSSR einen gewaltigen Anteil hatte, schien ihr entgangen zu sein)

Wer das alles als Kind erlebt, wird wohl oder übel sehr skeptisch, zweifelt  ämtliche Autoritäten an, glaubt nichts mehr ungeprüft, misstraut den  ehrheitsmeinungen, solidarisiert sich mit Minderheiten und Außenseitern der  ellschaft und perfektioniert zudem seine Witterung für Ungerechtig-keiten aller Arten und Sorten.

Das bringt einem in den Jugendjahren viel schulisches Ungemach, vor allem, wenn man in ein ziemlich katholisch gesinntes Gymnasium geht, aber auch das war -mit der nötigen Rückendeckung der Familie- leicht auszuhalten.

Irgendwelche Hinweise darauf, dass aus mir eine Schriftstellerin werden könnte, sehe ich für meine Schulzeit nicht einmal rückblickend. Meine Aufsätze wurden schlecht benotet, was ich schrieb, gefiel halt der werten Frau Professor nicht. Was ich las -und ich las viel- gefiel ihr auch nicht. Das waren allesamt Autoren, die auf ihrem Privat-Index standen. Tucholsky, Brecht, Ringelnatz, Erwachsenen-Kästner und ähnlich Gesinnte. Aber mich grämte das nicht im geringsten. Eine schlechte Note auf eine Mathematik-Arbeit hätte mich wesentlich mehr gestört. Und auf meine außergewöhnlich schlechte Note in “Betragen” war ich sogar unheimlich stolz. Sie zeugte davon, fand ich, dass ich mich etwas “traute” und “aufmuckte und mich den herrschenden Verhältnissen, die ich für keine guten hielt, nicht widerspruchs-los anpasste.

Nach der Matura studierte ich dann an der Akademie für angewandte Kunst. Ich hatte nämlich das Pech gehabt, in ein Mädchen-Gymnasium zu gehen, in dem merkwürdigerweise keine einzige Schülerin wirklich gut zeichnen konnte. Ich konnte es halbwegs gut und hielt mich daher mangels Konkurrenz irrigerweise für ein großes Talent. Es dauerte zwei Semester, bis ich meine Mittelmäßigkeit eingesehen hatte. Dann dauerte es noch etliche Semester, bis ich aus dieser Einsicht die Konsequenzen zog und den Traum, eine tolle Grafikerin zu werden, endlichgültig aufgab, das Studium sein ließ und mir einen Büro-Job suchte.

Glücklich war ich in diesem Job nicht. Obwohl ich ihn, inklusive Steno-Diktat und hurtiges Schreibmaschinetippen, recht ordentlich erledigte.

Ausweg aus dieser öden Lebenslage in den späten Fünfzigerjahren: Heiraten, schnell hintereinander zwei Töchter in die Welt setzen, und sich als Hausfrau und Mutter etablieren! So sehe ich das zumindest rückblickend. Damals hätte ich diese Deutung strikt abgelehnt und behauptet: Weil ich schwanger wurde, ist mir der Weg zu einer beruflichen Karriere leider verbaut!

Und so kochte und strickte ich halt, nähte hübsche Kinderkleidchen und nicht minder hübsche Klamotten für mich, las ein bisschen Bloch, Marcuse und Adorno, versuchte mich in unautoritärer Nachwuchsbetreuung, bewirtete viele Gäste -manchmal bis zum frühen Morgenund diskutierte mit ihnen heiß, was zu tun sei, um meine Kindheitsideale Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität in unserer Gesellschaft zu verwirklichen.

Das war kein übles Leben, aber sehr zufrieden war ich nicht mit meinem Los. Ich erinnere mich zum Beispiel noch gut an den Schock, als der Beamte bei der Passverlängerung in meinem Reisepass das “Studentin” dreimal durchstrich und in Schönschrift “Hausfrau” darüber malte. Am liebsten hätte ich den Pass weggeworfen. Als Hausfrau wollte ich nicht durchs Leben gehen! Mehr, sagte ich mir, müsse in mir schon drinstecken und auch rauszuholen sein.

Die Kinderbücher meiner Töchter brachten mich auf die Idee, dass mein Mal-und-Zeichentalent eigentlich für Kinderbuch-Illustrationen reichen sollte.

Aber einfach Kontakt zu einem Verlag aufnehmen und um Illustrations-aufträge fragen, dazu war ich damals viel zu schüchtern. Es wäre wahrscheinlich auch nicht sehr erfolgreich gewesen. So beschloß ich, wie das Anfänger ja gerne tun, ein “fertiges Produkt” an einen Verlag zu schicken. Und um ein solches zu fabrizieren, musste ich mir wohl oder übel eine Geschichte ausdenken und sie dann aufschreiben.

Ich bastelte fast zwei Jahre an dieser Geschichte herum. Weil ich jeden Satz hinterfragte, unzählige Male verwarf und neu formulierte. Ich tat ja etwas, wozu ich meiner Meinung nach, kein Talent hatte, und die einzige diesbezügliche Fähigkeit, die ich mir zutraute, war strenge selbstkritische Beurteilung meines Textes.

Schließlich sagte ich mir dann doch einmal “Besser kannst du es halt nicht”, und schickte das Ding an den einzigen Kinderbuchverlag dessen Adresse ich kannte. Hätte es mir der Verlag mit höflichem Bedauern retour geschickt, hätte ich garantiert keinen weiteren Verlag damit belästigt, sondern mir bloß traurig gedacht: Na, eh klar, das kannst du also auch nicht!

Aber der Verlag war willig. Und kaum war das Buch, es hieß “Die feuerrote Friederike” erschienen, bekam es in Deutschland einen hoch angesehenen Preis. Nicht für die Bilder, die ich gemalt hatte, sondern für den Text, den ich geschrieben hatte, erhielt ich den Preis. Das irritierte mich ein wenig.

Lob für meine Bilder wäre mir lieber gewesen. Aber im Grunde war mir frustrierter Hausfrau jeder Erfolg recht. Und so dachte ich mir hurtig noch eine Geschichte aus und malte Bilder dazu.

Diesmal wollte der Verlag nur die Geschichte von mir, illustrieren ließ er sie von jemand anderem. Also ließ ich bei meinem dritten Buch von vornherein einsichtig die Illustrationen weg und lieferte nur noch ein schlichtes Manuskript ab.

Jedes dieser drei Bücher erschien bei einem anderen Verlag. Es waren die drei Verlage, die mir - und ich ihnen- bis heute die Treue gehalten haben. Dass ich mich nicht mit einem Verlag begnügte, lag daran, dass ich, fasziniert von meinem unerwarteten Erfolg, brummhummelemsig ohne allzu viele Formulier-Skupel drauflos schrieb. Alle zwei Jahre, meinte der Verleger, der mein erstes Buch gedruckt hatte, wolle er ein Buch von mir haben. Ich hatte aber schon ein halbes Jahr nach Erscheinen der “Feuerroten Friederike” das nächste Buch fertig und sah nicht ein, warum es noch eineinhalb Jahre “abliegen” sollte. Also schickte ich es an den deutschen Verlag, den ich für den besten hielt. Und dem Verlag gefiel meine Geschichte.

Zwischendurch lernte ich auf einer Tagung -Tagungen waren damals sehr in Mode- noch einen zauberhaften deutschen Jung-Verleger kennen, das ergab eine innige Freundschaft auf den ersten Blick, und daraus ergab sich wiederum, dass ich unbedingt für seinen gerade gegründeten Kinderbuch-Verlag etwas schreiben müsse.

Und so produzierte ich dann halt für meine drei Verlage immer schön “reihum” und in einem Tempo, über das ich heute nur noch staunen kann, Kinderbücher.

Ich weiß, das klingt ziemlich “märchenhaft mühelos”. Aber die Zeiten waren eben damals den Kinderbuchautoren, die mit dem Heile-Welt-Klischee brachen, hold. Es gab der gesellschaftlichen Situation in Deutschland und Österreich entsprechend, jede Menge Diskussionen über Kinder und Kindererziehung und Kinderliteratur. Pädagogen, Psychologen, Soziologen, Autoren, Verleger und sonstige Experten gerieten einander heftig in die Haare, wenn es darum ging, was Kinder von der Welt wissen dürfen und was ihnen verheimlicht werden muss, wovor man sie zu bewahren habe und worüber man sie aufklären müsse.

Kurz gesagt: So wie in der Politik prallten auch in Sachen Kinderliteratur die “Rechten” mit den “Linken” zusammen. Die Erregtheit der Auseinander-setzungen, die sich die Teilnehmer auf Kinderbuch-Tagungen lieferten, ist heute kaum mehr vorstellbar. Da stritten Lehrer und Buchhändler, Bibliothekare und Lektoren, Elternvereinsvertreter, Schriftsteller und weiß der Himmel wer sonst noch aller, vehement zum Wohle der Kinder über das Wohl der Kinder.

In dieser Atmosphäre hatten es Autoren, die mit dem “Althergebrachten” brachen, nicht sehr schwer, bekannt zu werden. Von der “fortschrittlichen” Fraktion wurden sie gewaltig hochgelobt, von der “konservativen” Fraktion wurden sie gewaltig gescholten, beides erhöhte ihren Bekanntheitsgrad.

Ich bekam viel Lob und noch mehr Schelte ab. Besonders die konservativen Lehrer lehnten meine Bücher ab. Nicht nur deshalb, weil nicht alle Lehrer, die in meinen Büchern vorkamen, herrliche Menschen waren, sondern vor allem deshalb, weil die Kinder, die in meinen Büchern vorkamen, so redeten, wie Kinder halt reden und nicht so, wie wohlerzogene Kinder reden sollten.

Und obwohl auch bereits damals in Österreich jede dritte Ehe geschieden wurde, galt es als “unerhört”, in Kinderbüchern darüber zu erzählen. Dort sollte von “Heilen Familien” mit guten “Umgangsformen” erzählt werden.

So ungefähr nach dem Motto: Wie Kinder leben und was sie erleben, das ist ihnen noch lange nicht als Lektüre zuzumuten!

Natürlich mischte auch ich mich in die rege Kinderbuch-Debatte ein. Viele meiner damaligen Statements, Aufsätze und Reden gibt es noch heute gedruckt, etliches sogar zwischen festen Deckeln gebunden, und sorgfältig recherchierende Journalisten lesen das gern nach und konfrontieren mich in Interviews mit dem vor Jahrzehnten Gesagtem und Geschriebenen.

Manchmal würde ich dann gern den längst verblichenen deutschen Bundeskanzler Adenauer zitieren, der einmal gesagt hat: “Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern!”

Ich könnte auch einen mir wenig genehmen, noch amtierenden österreichischen Politiker zitieren, der gern sagt: “Die Wahrheit ist eine Tochter der Zeit!”

Aber so darf man bemühten Journalisten nicht antworten. Also sage ich halt, dass jeder halbwegs vernünftige Mensch im Laufe der Jahrzehnte eine Entwicklung durchmacht, und ich heute über viele meiner Siebziger-Jahre-Aussagen nur noch milde lächeln kann.

Milde deshalb, weil es ja wirklich wunderschön wäre, wenn Kinderliteratur all das bewirken könnte, was ich ihr damals abverlangt habe: Klüger sollte sie die Kinder machen! Und selbstbewusster! Und sensibel für die Probleme anderer Menschen! Soziale Phantasie sollte sie wecken! Und die Kinder dazu bringen sollte sie, sich wacker für ihre Rechte einzusetzen und ordentlich aufzumucken, wenn man ihnen oder anderen Unrecht tut!

Ein bisschen von all dem mag Kinderliteratur ja vielleicht im besten Fall bewirken. Dümmer, unsensibler, verzagter, eingeschüchterter und phantasieloser wird ein Kind durchs Bücherlesen jedenfalls garantiert nicht.

Aber ich bin bescheidener geworden und verlange nun weder mir noch meinen esern diese Leistungen ab.

“Ein Stück Welt in Sprache umsetzen”, reicht mir heute als Beschreibung dessen, was ich bei meiner Arbeit zu leisten habe. Und dass ich das üblicherweise so erledige, dass meine Leser etwas zu lachen haben, liegt nicht nur daran, dass Kinder gern lachen, sondern vor allem daran, dass ich eben dazu neige, das Komische, Skurrile, Witzige im Leben wahrzunehmen. Selbst in Situationen, in denen ich sehr, sehr traurig bin, entgeht mir die komische Seite der Angelegenheit nicht. Dann lache ich klarerweise zwar nicht, aber ich hebe mir das “Drüber-Lachen” für später auf.

Zudem habe ich im Laufe der Jahrzehnte begriffen, dass Kinder in einer Geschichte auch ein Stück ihrer eigenen Traurigkeit wiederfinden wollen, und dazu eine gehörige Portion Trost, um mit dieser Traurigkeit zurecht zu kommen. Dass ich das begriffen habe, verdanke ich nicht zuletzt Astrid Lindgren und all ihren tröstlichen Geschichten, die von Freiheit in Geborgenheit erzählen. Beides bräuchte ja jedes Kind gleichzeitig, denn Freiheit ohne Geborgenheit taugt so wenig zum Glücklichsein wie Geborgenheit ohne Freiheit. Im wirklichen Leben ist kindliche Freiheit in Geborgenheit leider ziemlich rar. Den meisten Kindern mangelt es am einen oder am anderen, wenn nicht gar an beidem. Ihnen dieses “Zwillingspack-Erlebnis” wenigstens solange zu gönnen, wie sie sich auf die Welt eines Buchhelden einlassen, erscheint mir heute -im Gegensatz zu viel früheren Jahren- goldrichtig. Wobei ich zugeben muss, dass ich damals ja auch nur sehr theoretisch dagegen polemisierte und behauptete, damit belüge man die Leser, mogle ihnen etwas vor, biege für sie die Wirklichkeit zurecht, nehme sie nicht ernst und trübe ihren klaren Blick.

In der Praxis hatte ich mit der “Freiheit” sowieso keine Probleme, denn Sehnsucht nach ihr und Anrecht auf sie zu beschreiben, trübt die verlangte Realitätsnähe nicht. Und für das nötige Quantum an “Geborgenheit und Trost”, wo sie realistischerweise in einer Geschichte nicht zu bieten waren, sorgte die “phantastische Handlungsebene”, die ich dann halt einführte. Konnte die feuerrote Friederike hierzulande nicht glücklich werden, entfloh sie fliegend in ein fernes, unbekanntes Land, wo ihr das Glück garantiert war. Und war ein autoritärer Kotzbrocken von einem Vater realistischer-weise nicht zu besseren Einsichten zu bringen, erfand ich eben einen widerlichen Kumi-Ori-Gurken-König im Keller, der letztlich soetwas wie ein Happy-end ermöglichte, oder ein ängstliches Kind bekam ein Arbeiter-Schutzgespenst, und ein geheimer Großvater sorgte nächtens für den Schutz von armen, drangsalierten Kindern.

Diese “phantastische” Krücke habe ich seit vielen Jahren abgestellt, zwar jederzeit griffbereit, aber für meine Arbeit nicht mehr erforderlich.

Weil ich kapiert habe -und dazu haben Astrids Bücher sehr viel beigetragen- dass es gar nicht so sehr die Story ist, wegen der sich Kinder beim Lesen geborgen und getröstet und frei fühlen. Es ist die Sprache! Sprache kann zum Lachen und zum Weinen bringen, Sprache kann trösten, kann streicheln, kann das Gefühl von Geborgenheit geben, kann bewirken, dass man sich luftballonfrei fühlt.

Ohne die Leser gern zu haben, wird man diese Art von Sprache kaum erlernen, und so gut wie Astrid diese Sprache beherrschte, wird das wahrscheinlich niemand mehr zuwege bringen, aber ich bemühe mich zumindest in ihrem Sinne.